Positionspapiere: Hundepsychologe Emanuel Beer

Aggression und Hunderassen

Aggression ist keine Krankheit, sondern eine wichtige Überlebensstrategie. Hunde sind Haustiere geworden, aber sie bleiben Tiere. Was würde passieren, wenn ein Tier in freier Wildbahn seine Beute nicht gegen Feinde verteidigt? Wenn er Schlafplätze und Territorien wehrlos anderen überließe? Diese Tiere könnten nicht überleben. Gerade die so wichtige Nahrung wird immer verteidigt, auch wenn der Feind größer und stärker ist.

Drohen statt kämpfen

Eine wichtige Strategie von Hunden ist es, Aggressionen zu vermeiden. Deshalb gibt es komplexe Verhaltensweisen – Drohgebärden, Imponiergehabe – die den Gegner beeindrucken und einen Kampf möglichst verhindern sollen. Denn der bedeutet für alle Beteiligten hohe Risiken und Verletzungsgefahr.

Aggression bei Hunden: Geschichte der Angst

Aggression ist eine angeborene Emotion und normaler Teil des Sozialverhaltens und der Kommunikation. Ihre Grundlage sind Gene, die unter anderem für die Verarbeitung von Reizen zuständig sind. Aber die Taktik, also wann und wie aggressiv reagiert wird, hängt stark von der Umwelt, von Lernvorgängen und bestimmten Reizen ab. Oft hat Aggression eine Vorgeschichte der Angst, zum Beispiel wenn Hunde harten Strafen, Gewalt oder Mobbing ausgeliefert waren.

Die häufigsten Auslöser aggressiven Verhaltens sind Bedrohung, Frustration, Angst, mangelnde Impulskontrolle, Schmerzen, Unsicherheit, Stress, fehlende Sozialkompetenz, Konflikte, Verteidigung  von Ressourcen (Futter, Plätze, Spielzeug, Mensch, Territorium) sowie Erziehung mit Druck, Zwang und Strafen. Aber auch eine Leine, Hundesport und Spiel können aggressives Verhalten auslösen.

Rasseliste nicht haltbar

Für besonders heftige Diskussionen sorgen immer wieder sogenannte Rasselisten. Dabei ist wissenschaftlich klar belegt, dass sich Hunde NICHT rassegebunden gleich verhalten.

Vielmehr ist die Beziehung zwischen Halter und Hund ein zuverlässiger Hinweis auf potenzielle Gefahren. Es geht um soziologische Probleme wie den Missbrauch von Hunden und nicht um einzelne Rassen. Zwar können bestimmte Reaktionsnormen, zum Beispiel die Intensität einer Reaktion, rassespezifisch sein, aber sie entwickeln sich im Zusammenspiel mit dem Umfeld des Hundes.

Einer bestimmten Rasse ein hohes Gefährdungspotenzial zu attestieren, schürt nur Angst und ist populistische Stimmungsmache. Dass sich Millionen Hunde gleich verhalten oder auf Reize gleich reagieren, ist verhaltensbiologisch nicht haltbar und schlichtweg absurd. Jeder Hund ist individuell, es gibt jedes Gehirn nur einmal, jeder Hund wird geprägt von individuellen Erfahrungen und Lebensbedingungen.

Eine Untersuchung des Instituts für Tierschutz und Verhalten der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover kam kürzlich zu dem Schluss, dass es keinen Zusammenhang zwischen Rasse, Alter oder Geschlecht des Hundes und dem Nicht-Bestehen eines Wesenstests gibt.

Sozialisation und Aufklärung

Die beste Vorsorge, aggressives Verhalten zu verhindern, ist eine gute und vor allem artgerechte Sozialisation des Hundes an Menschen, Artgenossen, Straßenlärm und andere alltägliche Reize.

Auf der anderen Seite ist auch die Aufklärung der Menschen wichtig: Warum verhält sich ein Hund so oder so? Wie verhalte ich mich, wenn ein Hund mir droht? Wissen schafft auch hier Sicherheit und kann Unfälle vermeiden. Vor allem Kinder sollten früh über hundliches Verhalten aufgeklärt und im richtigen Umgang mit Hunden geschult werden.

Kastration und Verhalten

Bei einer Kastration werden dem Hund die Geschlechtsorgane entfernt, die Hoden beim Rüden und die Eierstöcke bei der Hündin. Grundsätzlich ist das Entnehmen von Körperteilen verboten und nur nach tierärztlicher Indikation zulässig – zum Beispiel aufgrund einer Krebserkrankung oder Gebärmuttervereiterung.

Soll lediglich die Fortpflanzung unterbunden werden, ist eine Sterilisation ausreichend, bei der die Samen- beziehungsweise Eileiter unterbrochen werden. Oft genug wird stattdessen aber gleich kastriert.

Stress und Überforderung der Hündin

Auch unerwünschtes Verhalten führt leider immer öfter zu einer Kastration: Der Hund soll ruhiger werden, weniger markieren, nicht so aggressiv sein oder während der Blutung keinen Aufwand machen. Ob es in solchen Fällen eine medizinischen Grundlage gibt, sollte sehr kritisch hinterfragt werden.

Dagegen kann beispielsweise Hypersexualität ein echter Grund für die Kastration sein – Rüden brechen aus, verletzen sich, wenn eine läufige Hündin in der Nähe ist oder die Hündin ist während der Läufigkeit stark gestresst und überfordert.

Weitreichende Folgen für das Hundeverhalten

Wenn es darum geht, mit einer Kastration das Verhalten zu beeinflussen, führen oft auch falsche Annahmen über die Effekte zu einer operativen Entfernung. Verhalten wird durch viele verschiedene Faktoren gesteuert und durch einen sensiblen Regelkreis vieler Hormone beeinflusst. Da durch eine Kastration ein Großteil der Sexualhormonproduktion wegfällt, kann es zu weitreichenden und oft unvorhersehbaren Auswirkungen auf das Verhalten eines Hundes kommen.

Vor allem bei Rüden hat sich deshalb die chemische Kastration – sozusagen als Probelauf – bewährt. Durch einen entsprechenden Chip werden nach einiger Zeit weder das männliche Sexualhormon Testosteron noch Samenzellen produziert. So können die Folgen einer möglichen Kastration simuliert werden. Bei Hündinnen ist eine chemische Kastration zwar möglich, aber mit mehr Risiken verbunden.

Schäden durch frühe Kastration

Vor allem die Frühkastration vor der Pubertät, die oft bei Tierschutzhunden aus dem Ausland durchgeführt wird, ist ohne medizinische Grundlage unverantwortlich. Denn während der Pubertät spielen die Geschlechtshormone eine wichtige Rolle, unter deren Beteiligung es zu großen Veränderungen kommt: die Umgestaltung der Knochen, die Ausbildung der Gelenkflächen und der Muskulatur, des Nervensystem, des Herz-Kreislaufsystems und der Atmung. Insgesamt kommt es durch Wachstumshormone, Nervenwachstumsfaktoren, Sexualhormone und Stresshormone zu einer weitreichenden Umorganisation des Gehirns.

Ausgeprägtes Jagdverhalten des Hundes

Auch wenn man das Jagdverhalten eines Hundes beeinflussen will, ist die Kastration kein geeignetes Mitteln. Denn die Sexualhormone gehören nicht in den Funktionskreis des Jagdverhaltens. Vielmehr sind der laterale Hypothalamus und der Hirnstamm sowie der Botenstoff Acetylcholin beteiligt. Vor allem Rüden neigen nach einer Kastration eher zu einem stärker ausgeprägten Jagdverhalten.

Kontraproduktiv ist die Kastration eines Hundes ebenso, wenn damit Unsicherheit oder Angst entgegengewirkt werden soll. Hier sind in erster Linie die Ursachen des Verhaltens wichtig. Vor allem  Hündinnen, die unter starkem Testosteroneinfluss stehen, fehlt nach einer Kastration das ausgleichende weibliche Sexualhormon Östrogen.

Aggressives Verhalten

Ein Vorteil der Kastration bei der Hündin ist, dass es zu so gut wie keiner Gebärmutterentzündung mehr kommt, allerdings ist das Risiko, an Inkontinenz oder Altersdemenz zu erkranken, erhöht. Eine Besserung der Aggressivität gegen andere Hunde ist durch eine Kastration nur zu erreichen, wenn das aggressive Verhalten ausschließlich während der Läufigkeit und der Standhitze auftritt.

Eine Kastration sollte also sehr gut überlegt sein. Sie eignet sich nicht als alleiniges Mittel, um auffälliges Verhalten zu beeinflussen.

 

Rudel, Rang und Dominanz

Kaum ein Mythos hält sich in Hundekreisen hartnäckiger, als die Geschichte vom Rudel, von Rangordnung und Dominanz. Falsche Annahmen und Vergleiche mit dem Wolf sind in der Beziehung zwischen Mensch und Hund ein Hauptgrund für Probleme, auffälliges Verhalten, Angst und Aggression.

Deshalb glaube keine Märchen, sondern der Wissenschaft:

  • Der Hund ist kein Wolf.
  • Allmächtige Alphatiere gibt es nicht.
  • Hunde leben nicht in Rudeln und bilden keine feste Rangordnung aus.

Wolf und Hund, Mensch und Affe

Der Hund ist ein eigenes biologisches Wesen und stammt vom Eurasischen Grauwolf ab. Auch Mensch und Schimpanse sind verwandt. Aber trotzdem verhalten wir uns nicht wie Affen und möchten auch nicht wie Affen behandelt werden. Menschen sind trotz der genetischen Verwandtschaft eigene Wesen. Genauso verhält es sich auch mit Wolf und Hund.
Das Verhalten unserer Haushunde hat sich im Vergleich zu dem der Wölfe stark verändert. Das war auch notwendig, denn Hunde leben in einem völlig anderen Umfeld als Wölfe und haben entsprechend andere Bedürfnisse.

Hunderudel oder Hundegruppe?

Das Sozialverhalten in Gruppen zum Beispiel ist weniger fein ausgeprägt, die Kooperationsbereitschaft im Vergleich zu Wölfen reduziert. Für Hunde besteht keine Notwendigkeit, sich in festen Gruppen oder Rudeln zusammenzuschließen: Sie müssen nicht große Beutetiere jagen, sondern ernähren sich von Abfällen und kleinen Nagetieren oder werden vom Menschen versorgt.

Überhaupt war das Ziel der Domestikation (Haustierwerdung) eine Anpassung an das Zusammenleben mit den Menschen, die von der Ernährung bis zum Schutz viele Aufgaben übernehmen, für die bei den Wölfen das Rudel verantwortlich ist.
Deshalb bilden frei lebende und wilde Hunde eher lose Gruppen mit weniger festen Bindungen, sind aber auch oft Einzelgänger. Der Begriff Rudel, der beim Wolf für eine typische Familienstruktur steht, trifft auf Hunde nicht zu. Sie bilden keine Hierarchien aus und sind sehr tolerant.

Rangordnung und Hierarchie

Durch lose Bindungen und Gruppen kann sich keine sogenannte Rangordnung aufbauen, die für das Leben der Hunde weder notwendig ist, noch Vorteile hätte. Stattdessen haben Hunde eine sehr enge Beziehung zum Menschen, die weitgehend den Handlungsspielraum ihrer Hunde bestimmen.

Damit das Zusammenleben funktioniert, sind Regeln und Grenzen wichtig, also eine stabile soziale Ordnung. Mit einer Rangordnung hat das aber nichts zu tun: Hunde und Menschen sind zwei verschiedene Arten und können sich nicht fortpflanzen, deshalb ist eine Rangordnung zwischen ihnen unmöglich. Das weiß übrigens auch der Hund. Ihm ist nicht klar, dass wir Menschen sind, wohl aber, dass wir keine Hunde sind. Darauf kommt es an.

Familie und Kompetenz

Selbst wenn man als Hundehalter gerne einen Blick auf das Wolfsrudel wirft, lohnt sich ein Blick auf die Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre, die nicht wie früher durch Beobachtung gefangener Tiere, sondern frei lebender Rudel zustande kamen.

Das typische Wolfsrudel ist eine Familie, die Eltern lenken weitgehend die Aktivitäten. Entscheidungen treffen aber nicht nur sie allein, sondern diejenigen Tiere, die für eine bestimmte Aufgabe die größte Kompetenz besitzen. Wer also weiß, wo es Beute gibt, der führt das Rudel an und muss nicht zwangsläufig erwachsen sein.
Das allmächtige Alphatier gibt es nicht, ein Wolfsrudel überlebt in freier Wildbahn vor allem durch Kooperation und Arbeitsteilung. Anerkennung und Autorität erlangen Wölfe nicht durch Aggressionen, sondern durch Kompetenz, Ruhe und Verlässlichkeit. Eine feste Rangordnung mit starren Hierarchien ist das Ergebnis von gefangenen und gestressten Wolfsgruppen.

Hilflose Dominanz

Dominanz ist ein weiteres, häufig falsch verstandenes Schlagwort. Dominanz ist keine Eigenschaft, die ein Hund besitzt und vererben kann. Sie beschreibt eine Beziehung zwischen zwei Tieren. Also Hund A verhält sich in einer bestimmten Situation Hund B gegenüber dominant. Viel wichtiger ist aber, wie Dominanz zustande kommt und aufrechterhalten wird.

Nicht etwa durch Aggression, Niederdrücken, Druck oder Zwang. Dominanz entsteht durch den in einer bestimmten Situation Unterlegenen, der freiwillig auf bestimmte Dinge verzichtet. Als Gegenleistung erhält er etwas, in dem der Überlegene kompetenter ist, zum Beispiel Schutz vor Feinden.

Hundeverhalten richtig verstehen

Führung und Autorität wird also nicht von oben nach unten durchgesetzt, sondern entsteht von unten nach oben. Ein Tier besitzt aus Sicht eines anderen Tieres Führungsqualitäten, die anerkannt werden. Verhält sich ein Mensch aggressiv gegenüber einem Hund, zeigt er Hilflosigkeit, nicht Kompetenz oder Führungsqualität.
Dominanz hat also in meisten Fällen nichts mit Aggression zu tun. Um Hundeverhalten zu verstehen und zu verändern, ist es wichtig, sehr genau hinzuschauen. Oft handelt es sich bei angeblich dominanz-aggressivem Verhalten um eine abnormale Reaktionsbereitschaft, um psychopathologische Ursachen, um Hunde, die nicht tolerieren, wenn sie kontrolliert werden. Vor allem aber haben Hunde gelernt, mit welchem Verhalten sie angenehme Dinge erreichen und Unangenehmes vermeiden können.

Alphawurf – eine menschliche Erfindung

Fast unnötig also zu erwähnen, dass der „Alphawurf“ eine Erfindung hilfloser Menschen ist – er kommt im Hundeverhalten nicht vor. Das Rollen auf den Rücken ist unter Hunden vielmehr eine freiwillige Geste des Unterlegenen und wird nicht herbeigeführt. Die Umkehrung ist ein Produkt menschlicher Machtfantasie. Das „Nackenschütteln“ gehört ebenso nicht zum sozialen Verhalten unter Hunden, sondern wird ausschließlich dazu eingesetzt, Beutetiere zu töten.

Wer seinen Hund also am Nacken packt und schüttelt, verhält sich wie der Wolf zum Hasen. Was das für die Beziehung bedeutet, muss nicht gesagt werden.

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